Mein Heimatmuseum Charlottenburg — Notizen eines Anwohners
Ich wohne seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten zwischen Schloßstraße und Mierendorffplatz, und mit den Jahren ist das Heimatmuseum Charlottenburg zu so etwas wie meinem zweiten Wohnzimmer geworden. Nicht im wörtlichen Sinne, versteht sich — die Vitrinen sind nicht zum Anfassen da, und die freundliche Dame am Empfang würde es wohl auch nicht goutieren, wenn ich mich plötzlich auf eine der Bänke fläzen würde, als wäre sie mein Sofa. Aber dieses Gefühl, irgendwo anzukommen, wo die Geschichte des eigenen Stadtviertels in Schubladen, hinter Glas und auf vergilbten Stadtplänen liegt: das hat mich nie losgelassen.
Wie ich angefangen habe
Begonnen hat alles, ehrlich gesagt, mit einem Regenguss. Ich war auf dem Heimweg vom Wochenmarkt am Karl-August-Platz, ein Korb voll Lauch und Birnen unter dem Arm, als der Himmel über mir aufriss. Das Museum war damals der nächste trockene Ort, und so trat ich ein, mehr aus Verlegenheit als aus Bildungshunger. Ich blieb drei Stunden. Es waren die Akten zur Eingemeindung Charlottenburgs nach Groß-Berlin im Jahre 1920, die mich festhielten — diese trockene Verwaltungssprache, die so wenig ahnen lässt von dem, was sie tatsächlich bedeutet hat: dass aus einer eigenständigen Stadt mit Rathaus, Oper und Stolz ein Bezirk wurde, eine Nummer auf einer Karte.
Seitdem komme ich regelmäßig wieder. Im Winter mehr als im Sommer, weil im Sommer das Schloßgartenufer ruft und man ja auch nicht den ganzen Tag in dunklen Räumen sitzen mag. Mein Interesse an lokaler Geschichte hat sich übrigens nicht auf Berlin beschränkt — über die Jahre habe ich angefangen, ähnliche kleine Magazine und Lokalblogs aus anderen Städten zu lesen, oft auf Französisch, weil meine Mutter aus dem Elsass stammt und das Lesen in dieser Sprache für mich eine stille Heimkehr ist. Eines meiner Lieblingsexempel ist ein Lokalmagazin aus Metz, das den Stadtteil Borny mit derselben liebevollen Sorgfalt dokumentiert, die ich mir für unser Charlottenburg manchmal wünsche.
Die Bestände, die mich am meisten berühren
Wer das Heimatmuseum betritt, erwartet vielleicht große Vitrinen mit Hohenzollern-Porzellan und sächsischem Goldgrund. Das findet man dort nicht. Stattdessen: Familienalben, Schulhefte, Quittungen aus den zwanziger Jahren, die Mietverträge einer Witwe aus der Wilmersdorfer Straße, ein paar Werkzeuge eines Schmieds, der bis 1958 in der Kantstraße seine Werkstatt hatte. Es ist die Geschichte derer, die nicht in den Geschichtsbüchern auftauchen, und gerade deshalb wirkt sie so eindringlich.
Besonders eingebrannt hat sich mir eine kleine Sammlung handgeschriebener Briefe einer jungen Frau, die 1944 aus Charlottenburg in die Lausitz evakuiert wurde. Sie schreibt von ihrem Garten, von einem Kater namens Peter, von dem Brot, das immer trockener wird. Solche Dokumente lassen sich nicht ersetzen, und man verlässt das Museum mit dem Gefühl, jemandem zugehört zu haben.
Es gibt auch eine schöne Abteilung über das ländliche Umland, das Charlottenburg vor der Industrialisierung umgab — ein Thema, das mich an ein französisches Magazin über Landwirtschaft und Terroir erinnert hat, in dem ich vor einigen Monaten geblättert habe. Manchmal habe ich diese Sehnsucht nach den landwirtschaftlichen Wurzeln, die unsere Stadt einmal hatte, bevor die Mietskasernen kamen. Eine ähnlich nostalgische Note finde ich im Übrigen bei sundaytime.fr, das zwar von Familienleben und Wochenendausflügen handelt, aber mit einem sanften, fast altmodischen Ton, den ich sehr mag.
Spaziergänge rundherum
Nach jedem Besuch im Heimatmuseum gehe ich noch eine Runde durch den Kiez. Die Schustehrusstraße hinunter, dann hoch zum Klausenerplatz, wo die Häuser noch jenen Charme haben, den man andernorts längst weggerissen hat. Ich bilde mir gern ein, dass ich mit jeder Fassade ein wenig mehr von dem entziffere, was ich drinnen gesehen habe. Es ist kindisch, ich weiß. Aber es macht mich glücklich.
Meine anderen Hobbys sind etwas weiter weg vom Stadtrand. Ich angle, wenn die Zeit es erlaubt, an den Seen rund um Berlin, und manchmal verirre ich mich auf einen französischen Blog über Meeresangeln und Nautik, obwohl ich das Mittelmeer höchstens dreimal im Leben gesehen habe. Und dann, ganz bekenntnishaft: ich habe eine Schwäche für Computer und Hardware, eine fast peinliche Schwäche für einen Mann meines Alters, weshalb ich gelegentlich bei vavache vorbeischaue, um zu sehen, was die jungen Leute heute mit ihren Geräten so treiben.
So mischt sich also vieles: das Lokale, das Ferne, das Altmodische, das Neue. Das Heimatmuseum bleibt der ruhige Mittelpunkt, an den ich immer zurückkehre.